Das Einhorn der elektronischen Musik

Ein Interview von Bernd Kistenmacher 

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Auszug aus dem Interview mit Bernd Kistenmacher

 

"Wie ging es dann weiter?

 

Irgendwann, nachdem ich in jedem größeren Venue dieser Stadt alle möglichen Veranstaltungen erfolgreich durchgeführt hatte, begann mein Interesse daran zu ermüden. Außerdem wollte ich wieder verstärkt selbst Musik machen und hatte in dieser Zeit bereits einige Demo-Songs zu Hause produziert.

Conny Konzack war ja zwischenzeitlich bei Albatros eingestiegen. Also sagte ich ihm, dass ich noch bis zum Ende des Jahres die Agentur leiten und dann aufhören würde. Er übernahm die Agentur dann vollständig und führte den Laden noch ein paar Jahre weiter. Im Herbst 1978 begann ich dann mit den Aufnahmen zu Mickie D's Unicorn.

 

Das ist ja dann auf Klaus Schulzes Label IC - Innovative Communication erschienen. Hattest du die Platte bei dir zu Hause aufgenommen oder bei ihm im Studio?

 

Im Studio Panne-Paulsen in Frankfurt, dort hat Schulze viele Produktionen gemacht und Eberhard Panne war ein erstklassiger Ton-Ing enieur.

 

Und wie kamst du zu IC?

 

Klaus Müller (P.O.E.M. Musikverlag) hat damals zeitweise für meine Konzertagentur gearbeitet und wir waren befreundet - wir kannten uns ja seit den Ash Ra Tempel-Aufnahmen in Bern für die Seven Up-Produktion - da war Klaus auch mit dabei. Und er war außerdem ein guter Freund von Manuel und Rosi, so haben wir uns dementsprechend oft gesehen und gemeinsam Sachen unternommen. Irgendwann hat er ein Demo von mir gehört, Song-Ideen, die ich damals zu Hause aufnahm.

Ich hatte mir eine gebrauchte TEAC-Vierspur-Bandmaschine leisten können und hatte von Schulze schon meine ersten Synthies gekauft, den Minimoog, den Arp Odyssey und den PPG-Sequencer. Damit sowie mit Gitarre und Stimme, habe ich dann meine ersten Demos aufgenommen. Klaus Schulze war grad dabei, sein Label IC zu gründen und Müller nahm mein Tape und spielte ihm das vor. Kurze Zeit später rief Klaus Schulze mich an und meinte in seinem schönen Berliner Tonfall: „Hey Alter, jefällt mir ziemlich jut, in drei Monaten sind die ersten Studiotage in Frankfurt gebucht."

 

Ich hatte bis dato lediglich vier Songideen und null Texte. Musikalisch machte ich mir keine Sorgen, aber Texte schreiben fiel mir nicht leicht, vor allem - worüber? Da passte er sehr gut, dass ich gerade Herr der Ringe mit großer Begeisterung ausgelesen und Das Letzte Einhorn gerade begonnen hatte. Irgendwann hat es plötzlich ,Klick' gemacht und ich wusste, worüber ich schreiben wollte - Märchen- und Fantasy-Themen. Und während eines kurzen Urlaubs in Cadaqués in Spanien entstanden fast alle Texte für die erste Unicorn.

 

Du hast die Songs dann aufgenommen und das war dann ja auch direkt der erste Release von IC gewesen, richtig?

Das Album ist ja sehr gut bei den Leuten angekommen.

 

Mickie D's Unicorn war die erste Veröffentlichung auf IC, genau. Und hat sich dann auch sehr gut verkauft, dafür, dass es ja auch kein typisches Charts-Material war. Black Riders wurde in Deutschland als Single ausgekoppelt und hat es tatsächlich geschafft, dass ich mit diesem Titel irgendwann mal bei der RIAS-Hitparade vor Pink Floyd und hinter Fleetwood Mac gelandet bin. Zwei meiner absoluten Lieblingsbands

- das fand ich großartig!

 

Meine Stammdiskothek war immer das SOUND und da lief auch Black Riders und alle sind darauf abgefahren.

 

Wie schön! Wir haben den Titel übrigens 2018 noch einmal als Single veröffentlicht. Sascha Konietzko von KMFDM hat einen Remix gemacht, den ich ziemlich sensationell finde, Mickie D goes ZZ TOP, seitdem auch auf Spotify zu hören.

 

Und wie kamst du dann zu EDEL?

 

Michael Haentjes und ich hatten uns durch die Unicorn-Produktion angefreundet und Mitte der Achtzigerjahre gründete er seine eigene Firma Edel. Es begann als Mail-Order-Service für Soundtracks, also Filmmusik, weil das damals eine Nische war. Er fing mit ganz kleinem Budget an und wurde in den folgenden Jahren sukzessive immer größer, sodass sich die Mitarbeiterzahl fast von Jahr zu Jahr verdoppelte und er hatte einfach super Ideen. Ich erinnere mich noch, dass ich ihn einmal besucht habe, da gab er mir eine CD in die Hand und fragte mich, was ich davon hielt. Der Titel war Get It- Die schönsten Songs aus der RTL Plus-Werbung. Und ich habe ihn gefragt, ob er das ernst meint, wer bitte kauft sich denn eine CD mit Songs aus der Werbung? Er lachte nur und meinte, dass sie eine Woche nach der Veröffentlichung bereits 100.000 Stück verkauft haben. Das war der Moment, wo mir klar wurde, wieso ich ,nur Musiker und Künstler war und andere Leute gute Geschäfte machten. Und das war nur eine seiner großartigen Ideen.

 

Ich war in dieser Zeit wieder eifrig dabei neue Songs zu schreiben und aufzunehmen. Walter Holzbauer, ehemaliger Manager von KRAAN und Inhaber des Wintrup Musikverlags (u.a. Wir Sind Helden) nahm eine Kassette mit Demo-Songs und spielte sie Conny Plank vor. Dem gefiel das so gut, dass wir eine Studiosession bei ihm in Wolperath vereinbarten. Helmut Hattler spielte wieder den Bass und es wurde mal wieder ein Schlagzeuger gebraucht. Conny hat Jaki Liebezeit vorgeschlagen. Einziger Hinderungsgrund war, laut Conny, dass Jaki Shuffle-Rhythmen hasste und ich hatte einen Song mit diesem Rhythmus. Ging aber alles gut, Jaki hat keine Miene verzogen, was er beim Spielen wohl eh kaum machte, für mich der „Buster Keaton" des Rock.

 

Einige Zeit später rief mich Michael Haentjes an, Siggi Loch wolle mich treffen. Der suchte nach einem Künstler für ACT, das Label, welches er gemeinsam mit Jim Rakete und Anette Humpe aus der Taufe gehoben hatte, Siggi war ein großer Fan der ersten Mickie D's Unicorn und verglich sie mal mit Pink Floyds Dark Side Of The Moon, wofür er bei mir auf ewig einen Stein im Brett hat. Ich hatte dann auch einmal ein Treffen mit Anette Humpe, die mich produzieren sollte, aber irgendwie wurden wir nicht warm miteinander. Da bot mir Michael Haentjes an, mein zweites Solo-Album mit EDEL zu veröffentlichen."

 

Das ganze Interview findet sich hier:

 

Bernd Kistenmacher, Ferne Ziele,

Geschichten über die Berliner Schule für elektronische Musik,

Edition Mahlstrom, 2023, p. 195, ISBN 978-3-00-075096-0